Eine Personalie, die eine Sensation ist

  • von Christine Reik
  • PREMIUM HR Blog

Ein personalpolitisches Erdbeben hat vor wenigen Tagen Frankreich erschüttert. Ein Deutscher wird ab September den französischen Versicherungskonzern AXA führen. Eigentlich eine Nachricht für die Wirtschaftspresse. Doch für jeden, der in den Kulturen beider Länder zuhause ist, eine echte Sensation. Warum?

AXA hat vor kurzem darüber informiert, dass der langjährige und charismatische Vorstandsvorsitzende Henri des Castries im September sein Amt niederlegen wird und auf ihn der Deutsche Thomas Buberl folgt. Wie man liest, hat sich Buberl in einem langwierigen internen Auswahlverfahren als Bester durchgesetzt. Soweit so gut. Doch wer um die Brisanz und Sensibilität von Top-Management Personalien in Frankreich weiß, wundert sich, denn nur der Beste zu sein reicht bei weitem nicht für eine TOP-Position.

Üblicherweise beginnt die Karriere eines französischen Top-Managers bereits im Kindergarten bzw. in der école maternelle. Nein, natürlich nicht in irgendeinem Kindergarten sondern dort, wo die Elite des Landes ihren hoffnungsvollen Nachwuchs betreuen lässt. Und so geht der Weg der kleinen Französinnen und Franzosen weiter über das „richtige“ Gymnasium und dann im Idealfall, das heißt wenn der strenge Auswahlwettbewerb geschafft wird, direkt in eine der „Grandes Écoles“.

Auch in Zeiten von europaweit einheitlichen Bachelor- und Masterstudiengängen haben sich die französischen Grandes Écoles ihre Sonderrolle bewahrt und sind noch immer die Kaderschmiede par excellence für die politische und wirtschaftliche Führungselite des Landes. Doch nicht nur die Ausbildung ist dort erstklassig, mindestens genauso wichtig sind die persönlichen Kontakte die in den Jugend und-Ausbildungsjahren geknüpft werden. Diese bilden ein stabiles Netzwerk, das sich durch das ganze Berufsleben und darüber hinaus immer wieder neu bewährt. Und genau das macht es so schwierig für Ausländer, eine obere Führungsposition in Frankreich zu besetzten. Ab einem gewissen Management-Level verliert die Fachkompetenz an Bedeutung und das persönliche und politische Netzwerk wird immer wichtiger, und hier vertraut man sich unter den Absolventen der gleichen Grandes Écoles quasi blind. Schwierig, wenn man da von außen kommt.

Und noch was: wer einen CAC 40 Konzern führt, braucht eine belastbare Achse zur Politik. Und woher kommen diese wertvollen persönlichen Kontakte? Richtig, natürlich aus den gemeinsamen Studientagen auf einer Grande École. Und so überrascht es nicht zu lesen, dass der bisherige AXA Chef und Francois Hollande in der gleichen Studienklasse waren. So funktioniert Frankreich.

Folglich beschreibt das Handelsblatt den Chefwechsel völlig zutreffend mit „Kulturrevolution bei AXA“. Und der Kommentator von Les Echos schreibt: „Es gehört zum Geschäft eines Versicherers Risiken einzugehen und sie anschließend gut zu managen. Mit der Entscheidung für den Deutschen der in Frankreich praktisch unbekannt ist, geht AXA ein Risiko ein. Oder zumindest eine Wette.“ Und ein Sicherheitspuffer wird auch noch eingebaut, denn der Deutsche bekommt nicht die gleiche Machtfülle wie sein Vorgänger. Auch dies eine zusätzliche Hürde à la francaise, die dem neuen Konzernlenker noch große Probleme bereiten kann.

Es bleibt spannend zu sehen, wie es dem Deutschen gelingen wird, den Konzern hinter sich zu bringen. Zumindest spricht er Französisch wie Les Echos vermeldet. Auch das ist 2016 in Frankreich noch immer eine Nachrichtenzeile wert.

Bonne Chance Thomas Buberl!

Quellen:
Handelsblatt
Les Echos

 

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