Das anständige Unternehmen

  • von Christine Reik
  • PREMIUM HR Blog

Genau zu dem Zeitpunkt, als der VW-Skandal die Republik erschüttert, liegt das neue Buch von Reinhard Sprenger „Das anständige Unternehmen“ druckfrisch in den Regalen. Doch wer glaubt, der Management-Vordenker habe mit der Auswahl seines Titels hellseherische Fähigkeiten bewiesen, irrt. Denn Sprenger definiert Anstand anders, als man auf den ersten Blick vermutet.

Während sich die Masse der deutschen Unternehmen und Personalabteilungen unermüdlich um die Einführung strukturierter Feedback-Prozesse bemüht, erfolgsabhängige Vergütungsmodelle konzipiert, den nächsten Familientag im Unternehmen plant und am neuesten Gesundheitsmanagement- Angebot feilt, fordert Sprenger die radikale Abkehr von derartigen zwangsweisen Wohltaten. Sein Credo: mehr Freiheit für die Mitarbeiter!

Ausgangspunkt ist für Sprenger jeder Mensch als Freiheitswesen. Bei vielen Dingen, die Unternehmen heute Ihren Mitarbeitern bieten, handelt es sich vordergründig um sinnvolle Angebote, die der Fürsorge, der Transparenz und der Vorsorge dienen. Letztlich sieht Sprenger darin aber alles andere als menschenfreundliche Leistungen, für ihn sind sie der Ausdruck von Entmündigung, Erniedrigung und Konformitätsdruck und damit eine Bedrohung der menschlichen Würde.

Für ihn bedeutet das: wir müssen uns von etlichen Werten und Institutionen trennen, die angeblich bewährt sind, die aber mit dem Menschen als Freiheitswesen nicht vereinbar sind. Dagegen setzt Sprenger das Gebot „Anstand durch Abstand“ und leitet aus diesem Gebot fünf Prinzipien als Handlungsempfehlungen für zeitgemäße Führung ab

  1. Betrachte Mitarbeiter nicht als bloße Mittel – sondern begegne ihnen auf Augenhöhe. Fordere keine Identifikation und verzichte auf Zielvorgaben. Das anständige Unternehmen macht seine Mitarbeiter nicht zu Reiz-Reaktions-Automaten und verabschiedet sich von einer Management-Vergütung, die den Kooperationsvorrang im Unternehmen negiert.
  2. Behandle Mitarbeiter nicht wie Kinder
  3. Versuche nicht, Menschen zu verbessern
  4. Verletze nicht die Autonomie der Mitarbeiter
  5. Bezeichne nichts als alternativlos

Was für eine Fülle an wirklich neuen Ideen und Ansätzen, die Sprenger hier auf 370 Seiten liefert! Ich meine, er ist mit diesem Buch seinem Ruf als exzellenter Vordenker mehr als gerecht geworden, denn die Praxis in den Unternehmen läuft doch derzeit genau in die andere Richtung. Vielfältige Anstrengungen werden unternommen, um Mitarbeitern so viel wie möglich an Verantwortung für ihr Leben abzunehmen und durch die Fürsorge des Arbeitgebers zu ersetzen. Natürlich nicht umsonst, denn auf der anderen Seite steht die Erwartung umfassender Loyalität, flexibler Verfügbarkeit und letztlich vollständiger Verschmelzung von beruflichen und privaten Lebensbereichen.

Anständig ist das nicht meint Sprenger. Interessanterweise erlebe ich in meinen Executive-Coachings häufig das Ringen der Führungskräfte, trotz großem Zeit- und Ergebnisdruck dem Leitbild des fürsorglichen, integrativen Leaders gerecht zu werden. Vielleicht hilft ja die Auseinandersetzung mit Sprengers Thesen, an dieser Stelle den Erwartungsdruck etwas zu relativieren. Ich freue mich auf eine spannende Diskussion mit Ihnen darüber!

Hier finden Sie mehr Informationen über das Buch:

Reinhard Sprenger, Das anständige Unternehmen

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