Bewerbung und Karriere: Erfolg haben nicht die Besten

  • von Christine Reik
  • PREMIUM HR Blog

Vor mir liegt druckfrisch die Wirtschaftswoche von heute. Darin ein spannendes Interview mit der amerikanischen Soziologin Lauren Rivera von der Kellog School of Management. Lauren Rivera hat ca. 120 Bewerbungsgespräche in den USA bei Großkanzleien, Investmentbanken und Beratungen begleitet und wissenschaftlich untersucht. Und kommt dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Rivera hat festgestellt, dass in Vorstellungsgesprächen die Anzahl fachlicher Fragen abnimmt, je elitärer der Job ist, um den es geht. Die entscheidenden Punkte werden im Small talk gemacht, bei dem es gerne um Sport oder Hobbies geht. Wenn hier die Wellenlänge zwischen Interviewer und Kandidaten stimmt, bestimmt das die Stimmung des gesamten Gesprächs. Und am Ende entscheidet der "cultural fit", wer den begehrten Job bekommt. Umso mehr, wenn kein Personaler mit am Tisch sitzt. Rivera zitiert den Ausspruch "smart people make smart choices" der ihr in diesem Zusammenhang immer wieder begegnet ist.

Und so kommt sie zu dem Schluss: nicht die fachlich Besten bekommen den Job, sondern die, die die sozialen und kulturellen Interessen der Interviewer teilen. Ihr Rat an Bewerber: möglichst frühzeitig als Student das soziale Leben bewusst auf die Interessen der richtigen Kreise ausrichten, dann klappt es mit dem Berufseinstieg bei einer Top-Adresse. Ernüchternde Erkenntnis für alle, die an den amerikanischen Traum glauben. Ich frage mich, sind diese Erkenntnisse auf Deutschland übertragbar?

Ich meine fachliche Qualifikation zählt - mit Einschränkungen. Fachliche Qualifikation ist der entscheidende Türöffner, um bei hochkarätigen Arbeitgebern überhaupt zum Interview eingeladen zu werden. Wer es bis zum Interview schafft, kann davon ausgehen, dass hinter seiner fachlichen Qualifikation bereits weitgehend ein Haken gemacht wurde. Jetzt kommt es auf die Persönlichkeit an. Und die beurteilt sich in Deutschland nicht nur nach Sport und Hobbies. Aber Fakt ist auch: wer im Gespräch die gleiche Wellenlänge wie der Interviewer hat, kann sich große Hoffnung auf den begehrten Job machen.

Entscheider neigen dazu, sich für den Kandidaten zu entscheiden, der ihnen am ähnlichsten ist. Ein Effekt, der seit langem bekannt und wissenschaftlich eingehend untersucht ist. Und trotzdem noch immer Einstellungsprozesse entscheidend prägt. Diversität und Professionalität sehen anders aus.

Und was ist nun das Fazit: Möglichst schnell im Polo-Club anmelden, um den Einstieg bei einer Top-Adresse optimal vorzubereiten? Rivera meint ja, ich sage nein. Dem optimierten Lebenslauf noch ein optimiertes Hobby hinzuzufügen bringt nicht mehr Persönlichkeit. Und am Ende ist es die Persönlichkeit, die für große Karrieren entscheidend ist. In Deutschland und in den USA.

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